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Im Sommersemester kam es bei den
Protesten gegen Studiengebühren und Umstrukturierungen an den
Hochschulen vermehrt zu Blockaden von großen Straßen,
Autobahnen und dem Zugverkehr. Das stellt eine neue Qualität des
Protest dar - sie verdient im Gegensatz zu den meisten Aktivitäten
der „Summer of Resistance“ auch den Namen Widerstand. Grund genug
sich einmal Gedanken über Chancen und Risiken solcher Aktionen
zu machen.
Wirkung auf die Bevölkerung
Im Gegensatz zu Demos erfolgen
Blockaden meist spontan, sie haben so einen wesentlich größeren
Einfluss auf den Verkehr, da die Polizei nicht vorher Umleitungen
planen, bzw. das Gebiet gemieden werden kann. Man muss sich also im
Klaren darüber sein, dass eine Menge Menschen warten müssen
und darüber erstmal nicht besonders erfreut sind. Das bietet
aber gleichzeitig eine große Chance viele Menschen zu
erreichen, vor allem Menschen, die gerade ihrem geregelten
Tagesablauf entrissen wurden und – solange die Blockade steht –
nichts zu tun haben, also verteilte Flugblätter eventuell lesen
werden. Es ist also wichtig genug Flugblätter dabei zu haben,
die auch nicht direkt vom Thema des Protests Betroffenen klar machen,
was das Anliegen ist. Sinnvoll ist auch die Solidarisierung mit
Forderungen in anderen gesellschaftlichen Bereichen – solange man
nicht alles Übel der Welt auf einem Flyer zusammenfasst, das
wirkt dann wie „gegen alles“ und es bleibt kein Platz für
überzeugende Argumente. Allerdings gibt es keine empirischen
Daten über die Wirkung auf Betroffene. Bei Strassenblockaden
besteht genauso die Gefahr, dass sich die Betroffenen einfach in
ihren Autos verstecken und ihre Kommunikation mit der Außenwelt
auf Hupen reduzieren oder ganz einstellen. Gute Erfahrungen gab es
mit einem künstlerischen Rahmenprogramm, also Gruppen, die
Jonglieren, Tanzen etc. Die Blockade sollte den Blockierten gegenüber
offen auftreten. Verbarrikadieren hinter Transparenten ist sinnvoll
um sich vor physischen und visuellen Zugriffen der Polizei zu
schützen, bringt aber wenig, wenn man die Menschen auf der
anderen Seite der Transpis erreichen möchte. Herumlaufen und
Flyer verteilen ist wesentlich sinnvoller.
In den Medien hat man mit
Blockadeaktionen gute Chancen, zumindest in den lokalen. Menschen
wollen wissen wieso sie im Stau standen, die Meldung wird sich für
die Medien also lohnen. Selbst wenn im Verkehrsfunk nur durchgesagt
wird „5km Stau wegen einen Blockade“ wird das Interesse der
Menschen geweckt. Klassische Formen des Protest wie Demonstrationen
oder Streiks werden in den Medien kaum beachtet, wie die Streiks im
öffentlichen Dienst, von denen kaum berichtet wird mal wieder
zeigen. Allerdings bleibt abzuwarten, was passiert, wenn Blockaden
quasi zum Alltag in Studiprotesten geworden sind.
Wirkung auf den Staat
Dem Staat verursachen Blockaden unter
Umständen hohe Kosten durch Polizeieinsätze. Das tun
Demonstrationen zwar auch, Blockaden lassen sich aber mit weniger
Menschen effektiv durchführen als Demos. Durch Staus und
Verzögerungen entsteht eventuell zusätzlich
wirtschaftlicher Schaden. Es werden viele Menschen direkt und noch
mehr indirekt über die Medien erreicht, was eine größere
Öffentlichkeit der Debatte und damit zusätzlichen Druck auf
den Staat bewirkt. Vor und während Großereignissen wie der
Fußball WM kommt zusätzlich der Prestigefaktor und die
Überlastung der Polizei hinzu. Die Landesregierungen und die
Bundesregierung möchten ihren jeweiligen Einflussbereich
natürlich als blühende Landschaft in der es allen gut geht
darstellen. Protestierende Studierende und kilometerlange Staus
sorgen für ein schlechtes Image. Durch die hohe Belastung des
Verkehrsnetzes während solchen Großereignissen sind
Blockaden besonders effektiv. Blockadeaktionen üben also einen
viel höheren Druck auf den Staat aus als Demos oder Streiks an
den Hochschulen.
Wirkung auf die Bewegung selbst
Blockaden können als gemeinsame
aufregende Aktionen einen zusammenschweißenden Faktor haben.
Dazu kommt, dass solche nicht alltäglichen Aktionen immer einen
gewissen Anziehungsfaktor haben da viele einfach mal dabei gewesen
sein wollen – und einfach mal dabei sein ist die beste
Voraussetzung um sich näher mit den Protesten und ihren Themen
auseinander zu setzen. Negativen Einfluss können
Schockerlebnisse wie harte Polizeieinsätze, unsinnige Gewalt aus
den eigenen Reihen oder Unfälle, wie zuletzt in Gießen
haben.
Unfall in Gießen
Am 24.05. wurde in Gießen ein
Student schwer verletzt als er bei einer Blockade eines Bahnübergangs
von einem Zug erfasst wurde. Er kam mit einem gebrochenen Bein
glimpflich davon. Der Unfall geht auf fahrlässiges Handeln der
„Organisatoren“ in diesem Fall wohl dem Verletzten selbst,
zurück. Der Bahnübergang wurde spontan besetzt und auch bei
geschlossenen Schranken nicht verlassen. Die halbherzigen
Räumungsaufforderungen der Polizei wurden überhört.
Als ein Zug um die Kurve kam, reichte die Zeit nicht für alle um
von den Schienen zu flüchten. So etwas darf nicht vorkommen, das
Leben der DemonstrantInnen ist immer noch am wichtigsten. Es wurde im
Nachhinein viel auf die Polizei geschimpft. Wahrscheinlich trifft sie
eine Mitschuld an dem Unfall, mit der anwesenden Hundertschaft hätte
sie die 30 Personen vom Bahnübergang schnell räumen können.
Andererseits hat auch die Polizei keine besondere Erfahrung mit
Blockaden, deshalb kann man sich kaum darauf verlassen, dass sie
einen beschützt – was nebenbei auch ziemlich schizophren ist,
wenn man einerseits freie Bildung fordert, gegen die Polizei
Blockaden erkämpft und andererseits von ihr beschützt
werden will und nicht in der Lage ist die Situation selbst
einzuschätzen. Bei Blockaden muss man selbst immer wachsam
bleiben, und vor jeder Aktion darüber nachdenken, ob sie auch
Sinn macht und nicht zu gefährlich ist. Herdentrieb kann bei
einer Bahnstrecke auch mal tödlich ausgehen. Mobilisierung
Mobilisieren kann man zu einer Blockade
natürlich nicht direkt. Dann kann man sicher sein, den Ort der
Blockade nicht zu erreichen. Blockaden müssen „spontan“ nach
Vollversammlungen oder aus Demos heraus entstehen. Die
Anführungsstriche bedeuten hier, dass eine Blockade natürlich
vorbereitet sein muss um Erfolg zu haben, nur bewerben kann man sie
eben nicht. Ist die Bewegung weiter fortgeschritten und bestehen
viele direkte Kontakte zwischen den Aktiven können Blockaden
natürlich auch per Sms-Schneeballsystem oder durch
Mundpropaganda vorbereitet werden. Wenn die Information per Sms oder
E-Mail verbreitet wird, sollten nicht unbedingt diejenigen aufrufen,
die gerade im Rampenlicht stehen, da eine Überwachung bei ihnen
wahrscheinlicher ist.
Organisation
Die Idee der Blockade wird meist schon
länger bestanden haben. Diejenigen, die eine Blockade
vorschlagen, müssen auch dafür sorgen, dass sie auch
sinnvoll abläuft.
Um solche Vorfälle wie in Gießen
zu vermeiden sollte man ein paar Punkte beachten.
Wachen aufstellen: zu beiden
Seiten des Bahnübergangs sollten in sinnvoller Entfernung vom
Bahnübergang entfernt Wachen stehen, die ankommende Züge
vor der Blockade und die Blockade vor den Zügen warnen. Dazu
sollten gut sichtbare Transpis vorhanden sein. Wer nicht von
vornherein mit einem „Blockade in 1000m“ Transparent rumlaufen
will kann ja einfach ein Transparent mit leeren Flächen und
eine Spraydose mitnehmen. Bei Autobahnen und Schnellstraßen
sollte der Verkehr auch schon vor der Blockade gewarnt werden, wenn
erstmal ein Stau da ist sollte der ankommende Verkehr vor dem Stau
gewarnt werden, denn für eventuelle Auffahrunfälle ist man
zumindest moralisch mitverantwortlich.
Blockaden in Kurven, bei
schlechter Sicht oder Nachts sind sehr riskant. Man sollte immer
daran denken, dass man nicht nur sich und seine MitstreiterInnen,
sondern auch völlig Unbeteiligte gefährdet.
Auf die Polizei ist kein Verlass!
Die Polizisten haben auch keine besondere Erfahrung mit Blockaden
und außerdem habt ihr sie vorher wahrscheinlich gerade
ausgetrickst um die Blockade aufzubauen.
Ruft am besten selbst bei der Bahn
an um die Blockade zu melden, in Gießen war die Polizei wohl
nicht besonders schnell.
Fragt eure
Anti-Castor-Demonstranten des Vertrauens, die haben oft Erfahrung
mit Blockaden oder kennen zumindest Menschen mit Erfahrung.
Wenn es einen Ermittlungsausschuss
gibt, sollte man sich die Nummer aufschreiben, am besten mit
wasserfestem Stift auf den Arm. Bei Blockaden sind Festnahmen an der
Tagesordnung.
sobald aggressive Aktivitäten
seitens der Polizei festzustellen sind (3 Aufforderungen vor einer
Räumung sind Konvention, nicht verpflichtend!) - also
z.B. massiertes und demonstratives Aufsetzen von Helmen oder
Bereitmachen von Schlagstöcken/Pfefferspray - ist es wichtig,
dies durch besonnenes und festes Auftreten zu kontern. Konkret heißt
das: Ketten bilden. Es ist üblich, dass seitens der Polizei vor
dem Beginn von Handgreiflichkeiten psychologischer Druck ausgeübt
wird, um Protestierende zu verunsichern und einzuschüchtern
(Widerstand ersticken, bevor er aufkommt) und eventuell
"Rädelsführer" aus der Blockade zu ziehen und
mitzunehmen. Diese Taktik wird einfach unterlaufen, indem man kein
Ziel bietet, also nicht ausrastet oder pöbelt und auch keine
Personen einzeln in Polizeinähe herumstehen lässt.
Es sollten unbedingt Bezugsgruppen
gebildet werden. Bezugsgruppen sind Gruppen von Menschen, die sich
gegenseitig kennen (möglichst auch vollen Namen und
Geburtsdatum) und einschätzen können, bzw. abgesprochen
haben, wie weit die einzelnen Personen bereit sind zu gehen. Bei
eventuellen Festnahmen wissen die anderen Mitglieder der
Bezugsgruppe sofort, das jemand fehlt und können dem EA
Bescheid sagen.
Neben der Sicherheitsvorkehrungen ist
es natürlich auch wichtig, den Inhalt rüber zu bringen.
Also sollten ausreichend Flugblätter dabei sein und ein paar
Transpis, die bei eventuellen Presseberichten zu lesen sind.
Was kann man Blockieren?
Bis jetzt gab es gute Erfahrungen mit
Straßen in der Stadt und Autobahnzubringern, bzw. Auffahrten.
Bahnhöfe zu blockieren hat in Frankreich wohl gut funktioniert.
Bahnübergänge sind besonders reizvoll, da gleichzeitig Bahn
und Straße blockiert werden, aber deshalb auch besonders
gefährlich. Es kommt auch immer darauf an, wie viele Menschen
dabei sind. Mit wenigen Menschen kann man beispielsweise Straßen
bei Ampeln blockieren, wenn die Autos rot haben kann man gefahrlos
auf die Straße und bleibt einfach dort.
Theoretisch lassen sich auch U-Bahnen
blockieren. Dazu braucht man nicht viele Menschen (kraftvolle
Aufkleber auf die Lichtschranken) und wenn man es in beide Richtungen
an drei oder vier Stationen verschiedenen Linien gleichzeitig
durchführt hat das schon größere Auswirkungen. Es ist
aber Vorsicht geboten, U-Bahn Stationen sind Videoüberwacht, es
gibt eventuell ungehaltenen Fahrgäste, die für Recht und
Ordnung sorgen und außerdem den privaten Sicherheitsdienst, der
auch eher unangenehm ist. Man kann auch den Bürgerschteig
"blockieren". Dabei lässt man die Leute zwar durch,
aber stellt für sie ein Hindernis dar. Es gab beispielsweise mal
eine Aktion, bei der sich die TeilnehmerInnen mit weiß
angemalten Gesichtern auf den Boden legten und dazu ein Transparent
"Ihr geht über Leichen". An einem Nadelöhr,
Fußgängerzone, bei Arbeitsbeginn vor Banken oder
Arbeitsämtern erreicht man damit viele Menschen.
Mit dem Überkleben von
Lichtschranken müssten sich Fahrstühle auch gut Blockieren
lassen, natürlich macht man das, wenn sie oben sind, dann dauert
es länger, bis jemand es bemerkt, zumindest morgens.
Insgesamt ist zu überlegen, wie
lange man Blockaden aufrecht halten will. Als Extreme gebe es
einerseits eine Flash-Blockade für beispielsweise eine
Ampelphase, während der Flyer verteilt werden, andererseits eine
möglichst lange Blockade, um große Pressewirksamkeit zu
erlangen und großen Druck auf den Staat auszuüben. Je
länger die Blockade, desto größer ist die
Wahrscheinlichkeit am Ende auf der Polizeiwache zu landen. Besonders,
wenn nur wenig Leute dabei sind, sollte man also gut überlegen,
wie lange man eine Konfrontation mit der Polizei eingehen möchte,
denn auch 300 Menschen werden schon mal festgenommen.
Auch während Demos können
zwischendurch Kreuzungen blockiert werden. Dadurch zieht sich die
Demo zusammen und die Polizeikräfte stellen sich neu auf, so
dass ihre Positionen recht gut bekannt sind, was ja auch von Vorteil
sein kann. Allerdings muss bei angemeldeten Demos immer damit
gerechnet werden, dass der Anmelder oder die Anmelderin wegen
Verstoßes gegen die Auflagen angeklagt wird, falls
Stehenbleiben der Demo gegen die Auflagen verstößt.
Fazit
Blockaden sind eine effektive
Protestform, sie müssen aber richtig vorbereitet und
durchgeführt werden um niemanden zu gefährden und das
Anliegen zu vermitteln. Durch solche Aktionen, die gegen den Willen
von Polizei und Betroffenen durchgesetzt werden müssen wird auch
die Entschlossenheit der Protestierenden deutlich. Das verleiht den
Forderungen mehr Nachdruck. Durch spontane Blockaden lässt sich
mit weniger Leuten und viel weniger Planungsaufwand mehr erreichen
als nur mit Großdemonstrationen.
Vielen Dank an alle, die sich an der Diskussion im Wiki beteiligt und so zu diesem Text beigetragen haben.
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