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Demokratie in der Schule Drucken E-Mail
Geschrieben von Mirco   
Montag, 24 Juli 2006

Wie natürlich ist demokratische Mitbestimmung in staatlichen Bildungseinrichtungen?

 
Die Diskussion um das wie und wie viel von demokratischer Mitbestimmung in staatlichen Bildungseinrichtungen ist so alt, wie die Grundsteinlegung zu dieser.
Auch die aktuelle Debatte um ein neues NHG (Niedersächsisches Hochschulgesetz) wirft die Frage nach Art und Umfang einer studentischen Selbstverwaltung wieder auf. Die Verfasste Studierendenschaft ist ein wichtiger Teil unseres demokratischen Systems für den Bereich der Hochschule und gibt Studierenden die Möglichkeit, sich innerhalb ihrer Hochschule für ihre Interessen einzusetzen. Ein Pendant soll sich auch in den Schulen finden. Bereits in der Grundschule spielt demokratisches Lernen eine Rolle, denn die Schule hat nicht zuletzt eine systemstabilisierende Funktion. Allerdings steht das politische Lernen immer wieder in der Diskussion und wird in der Schulpraxis auch wohl eher nebenbei oder gar nicht abgehandelt. In vielen Fachdidaktiken nicht nur für den Primarbereich wird hier jedoch gerade angesetzt. Die politische Dimension soll in den Schulen im kleinen und großen Rahmen bedient werden und demokratische Teilhabe direkt erfahrbar werden lassen. Eine Einsicht in die Notwendigkeit von Interessenvertretung und Mitbestimmung ergibt sich hieraus ganz von selbst. Wie die konkrete Umsetzung dieser aussieht und welche Modellprojekte es gibt, soll hier dargestellt werden.
Dabei geht es ebenso wie in der Hochschule bei der demokratischen Teilhabe nicht nur um politisches Engagement, sondern auch um eine Minderheitenvertretung und demokratisches Lernen. Ein demokratisches System muss Chancen geben, seine Meinung zu artikulieren, sich zu organisieren und für seine Rechte einzustehen. Eine Demokratie kann nur funktionieren, wenn ihre Mitglieder demokratisch denken und handeln. Jeder Mensch muss die Möglichkeit haben, nicht nur passiv am demokratischen Prozess teilzuhaben, indem er wählen geht, sondern auch aktiv an diesem zu partizipieren. Dies gilt ebenso für Schülerinnen und Schüler. So möchte ich zuerst die Geschichte der Schülervertretung und die heutigen Organe der Schule vorstellen, die aktiv zur demokratischen Alltagskultur in der Schule beitragen.

 

Geschichte der Schülervertretung

 

Schule ist Lebensraum!

Das Grundgesetz sagt: erst, wer volljährig ist, hat das Recht über seine Belange und die anderer mitzuentscheiden. Aber Demokratie kennt keine Altersgrenzen, sie ist ein Prinzip, eine Staatsform, die lebendig sein muss. Mitbestimmung - als Grundidee der Demokratie - muss für alle ständig zu erfahren und zu praktizieren sein..
Ein demokratischer Staat braucht eine Schule der Demokratie, eine Schule, in der die Schülerinnen und Schüler über das mitbestimmen können, was sie betrifft, nicht nur im Rahmen der "Schul- & Bildungspolitik".
Gerade Bildungspolitik muss auf gesellschaftliche Verhältnisse und Anforderungen, die sich ständig wandeln, reagieren können. Bildungspolitik muss veränderbar sein. Die notwendigen Entscheidungen hierzu dürfen jedoch nicht irgendwelchen Schulbürokraten überlassen bleiben, sondern sie erfordern die mehrheitliche Zustimmung aller Beteiligten. Erst wenn alle an Schule Beteiligten -und wir Schüler/innen stellen hier die Mehrheit- an sie betreffenden Fragen mitentscheiden dürfen, erst dann wird Schule demokratisch sein und ihrem Anspruch gerecht kritische, tolerante und engagierte Menschen (Zitat Schulgesetz) zu erziehen.
Schüler/innen dürfen nicht länger als ein Objekt der Erziehung gesehen werden, sondern als eigenständig handelnde- und denkende Individuen, die reif genug sind, ihren Lebensbereich zu gestalten.

Woher kommt Schülervertretung?

Die Idee, Schüler/innen an der Gestaltung der Schule zu beteiligen, kam bereits um die Jahrhundertwende auf. Hintergründe waren die Anforderungen einer anwachsenden Sehnsucht nach Demokratie und der Kampf gegen die Missstände der verwalteten Schulform.
Der „Disziplinlosigkeit und den Täuschungen“, dem „Verfall der Sittlichkeit bei Jugendlichen“, der „hoffnungslosen Gesamtlage“ der Bildungspolitik den „Lehrgefängnissen“, die die Schüler „geistig terrorisierten“, sollte durch Schülermitbeteiligung, entgegengewirkt werden. Der Weg zum angestrebten Ziel war aber eher pädagogisch als demokratisch, eine "harmonische Schulgemeinschaft" -die Schulgemeinde- in der Schüler/innen und Lehrer/innen ohne Konflikte miteinander arbeiten sollten. Der (Selbst)betrug: durch die Einbeziehung der Schüler/innen in die Gestaltung ihrer Schule, sollten sie sich selbst zu demokratischen Verhalten erziehen. Schülervertretung (SV) also als "Gemeinschaftskunde", SV als Vorbild für die "große Demokratie", Wahlen und Mitbestimmung im Erwachsenenleben! Der zweideutige Charakter zeigt sich in der Pflicht der SV, an Disziplinierungsmaßnahmen gegen unwillige Schüler/innen, zum Erhalt der „geistigen und sittlichen Zucht der Schülergemeinschaft“ mitzuwirken. Dieses Konzept wurde - unterbrochen durch den Nationalsozialismus - bis in die heutige Zeit verfolgt. Nach dem 2. Weltkrieg versuchten die Alliierten die SV wieder zu aktivieren: Durch sie sollte der "Reedukationsgedanke" - die erneute "Erziehung zur Demokratie"- an die Schüler/innen herangetragen werden, Schüler/innen sollten einmal mehr durch SV den Umgang mit demokratischen Spielregeln erlernen. Ihr Tätigkeitsbereich wurde streng durch Verordnungen festgelegt. Er beschränkte sich auf Bereiche wie „Blumen gießen“, „Schulfeste organisieren“, „Sorge für Naturschutz“ u.ä.. Die SV sollte dazu beitragen, die Erziehungsformen zu ändern. Man wollte, nach den negativen Erfahrungen im Nationalsozialismus, weg von der irrationalen Autorität und strebte die freiwillige Unterordnung der Schüler/innen durch wahre Autorität, Erziehung zu Pflichtbewusste in und zu einsichtsvoller williger Mitarbeit an - wieder ging es also nicht um eine richtige Mitbestimmung. Die SV wurde unter dem Deckmantel der Demokratisierung der Schule in den Schulgesetzen verankert, faktisch war SV nicht mehr als ein Instrument, mit dem der Gedanke Gehorsam durch Einsicht möglichst pädagogisch umgesetzt wurde. Auf gar keinen Fall aber durfte SV die Funktion einer Interessenvertretung übernehmen, da somit die geringe Chance bestanden hätte, daß sich Schüler/innen gegen ihre Lehrer aufgelehnt hätten. Schule sollte ein zweites Heim werden, ihre Aufgabe sei es „Schüler innerlich an sie zu binden... Schüler sollen stolz sein auf ‘ihre’ Schule“. Auseinandersetzungen zwischen Schüler/innen und Lehrer/innen paßte nicht in das Bild der propagierten harmonischen und konfliktfreien Schulgemeinschaft. Doch Mitte der 60er schwand der Mythos der harmonischen Schulgemeinschaft, es kamen immer stärker Forderungen nach einer unabhängigen Interessensvertretung der Schüler/innen auf. Die Schülerschaft distanzierte sich immer mehr von der rechtlosen SV, die zusammen mit der Schülerzeitung die „demokratischen Feigenblätter“ einer undemokratischen Gesellschaft sind. Sie sind bis heute Instrumente zur Verschleierung der autoritären Strukturen der Schule geblieben (so die Delegierten auf dem ersten Treffen „unabhängiger fortschrittlicher Schüler“). Schüler/innen wollten die Schule nicht länger als einen konfliktfreien Raum sehen, sondern als "Spiegel der Gesellschaft". Daher richtete sich die Kritik der Schüler/innen nicht nur gegen die undemokratische Schule, sondern gegen das gesamte Gesellschaftssystem.
Im Rahmen der Schüler- und Studentenbewegung kritisierten viele progressive Schüler/innen die autoritäre Struktur der Schule in einer nur formaldemokratischen Gesellschaft und die rechtlose, unterdrückte Stellung, die die Schüler in dieser Gesellschaft einnehmen.
Viele SVen lösten sich tatsächlich auf, um aufzuzeigen, dass sich durch ihre Abschaffung an der Schulwirklichkeit nichts verändert. Sie wollten nicht mehr mitmachen. Stattdessen organisierten sie sich in politischen Schülergruppen, die eine bessere Alternative zur SV darstellten.
Immer mehr Menschen - auch Pädagogen - begannen daran zu zweifeln, dass ein nur scheinbar demokratisches Gremium, dessen Arbeit vollständig von einer/m nicht demokratisch gewählten Schulleiter/in bestimmt wird, in der Lage sein könne, ein demokratisches Bewusstsein zu schaffen. Auch die Idee der "harmonischen Schulgemeinde" deren Teil SV sein sollte verlor an Boden. Sie wurde entlarvt als Konfliktverschleierung, die die "wahren Machtverhältnisse in der Schule künstlich verborgen hält". Die Kultusminister sahen sich gezwungen, dem öffentlichen Druck nachzugeben und erkannten, dass eine in der Schule geschaffene Schülerorganisation kontrollierbarer und berechenbarer war, als Schüler/innen, die sich außerhalb der Schule organisierten. Die Rechte der SV wurden scheinbar erweitert, für die Kultusministerien ging es aber darum, den Schülergruppen das Wasser abzugraben, indem sie die SV wieder akzeptabel machten. Die Rechnung ging auf - die Schülerprotestbewegung löste sich auf. Das pädagogische Verständnis von SV allerdings änderte sich bis heute nicht. So sehen SV-Ordnungen noch heute vor, dass die SV zur Aufgabe hat, „die Schüler zur Mitverantwortung zu befähigen“ - also zu erziehen. Natürlich wird auch das Recht der SV auf Interessensvertretung eingeschränkt - durch Klauseln, wie „Die SV vertritt im Rahmen des Bildungs- und Erziehungsauftrages der Schule die Interessen...“ Heute noch ist die SV nicht mehr als ein Übungsfeld formaldemokratischen Verhaltens. Die Landesschülervertretung ist dabei ein Kind des Kampfes fortschrittlicher Schüler gegen die Kultusbürokratie. Diese Strukturen wurden gegen den Willen des Kultusministeriums durchgesetzt. So kämpft die Landesschülervertretung Rheinland-Pfalz (LSV) schon seit ihrem Bestehen um die Anerkennung ihrer eigenen Satzung von 1989 - diese wurde nur in Grundzügen 1991 ins Schulgesetz aufgenommen. Gleichzeitig sprechen sich die CDU-Landesregierungen für eine Reform der Mitbestimmung an Schulen aus und wollen die Beteligung der Schüler/innen weiter einschränken.

 

Organe der Schule

 

Als Einfluss nehmende Gruppen in der Schule gibt es einmal die Lehrerinnen und Lehrer, dann die Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern. Jede Gruppe kann für sich in Komitees, oder auch einzeln, Beschlüsse fassen, die sie dann in der Schulkonferenz zur Abstimmung geben können.

Bisher ist die oberste Instanz die Schulkonferenz. Sie fällt alle wichtigen Entscheidungen zu Themen wie z.B.: Projektwoche, Stundentafel, bewegliche Ferientage u.a.
Den Vorsitz bei der Schulkonferenz hat der/die Schulleiter/in. Zusätzlich zu 12 Lehrern/innen sind auch 6 Schüler/innen und 6 Eltern vertreten und haben Stimmrecht.

Schulleiter/in
Er/sie ist sozusagen der unabhängige Geschäftsführer/in, Personalchef/in und Richter/in der Schule.
Er/sie sollte sich gleichermaßen um Lehrer- und Schüleranliegen kümmern.
Er/sie entscheidet auch in besonderen Fällen z.B. bei Beurlaubungen.

Lehrerkonferenz
..., so heißt die Versammlung aller Lehrer , in der diese über ihre Anliegen und über ihre Anträge an die Schulkonferenz beraten, sie wählt 12 Vertreter für die Schulkonferenz.

Fachkonferenzen
In den Fachkonferenzen treffen sich die Vertreter eines Faches, um spezifische Belange zu beschließen (Bücher, Unterrichtsinhalte, Notengebung etc.). Die gewählten Schüler/innen- (jeder Schüler/in hat die Möglichkeit, Vertreter zu werden, siehe SV - Organisation), + Elternvertreter/in haben nur beratende Stimme, dürfen aber jederzeit Anträge stellen.
 

Es folgt die Organisation der Schülervertretung (Pendant zur Verfassten Studierendschaft)

Schülerrat
Vergleichbar mit der Lehrerkonferenz ist der Schülerrat eine Versammlung der Schüler/innen, an der stellvertretend für alle, die Klassen- und Stufensprecher der Klassen/Stufen teilnehmen, (Stellvertreter nur bei Verhinderung des Hauptvertreters, oder auf besondere Einladung).

Der Schülerrat wählt am Anfang jedes Schuljahres den Schülersprecher/in (+ 2 Stellvertreter/innen) und 3 weitere Schüler/innen für die Schulkonferenz, in die 6 Abgeordnete geschickt werden. Außerdem werden die SV-Lehrer/innen, der/die Kassenwart/in und deren Prüfer/innen gewählt. Die Wahl der Vertreter/innen für die Fachkonferenzen finden ebenfalls im Schülerrat statt. Jede/r Schüler/in kann sich durch seine/n Klassensprecher/in zur Wahl eines beliebigen Faches aufstellen lassen. Im Schülerrat haben alle Schüler/innen die Möglichkeit, ihre Wünsche und Anliegen über ihre Klassensprecher einzubringen. Zusätzlich sind auf Wunsch der Schüler bei einer Schülerratssitzung auch die 2 SV-Lehrer/innen anwesend. (Sie haben jedoch kein Stimmrecht, sind nur beratend tätig.)

Schülersprecher/in
Wie es der Name sagt, spricht er oder sie stellvertretend für alle Schüler/innen der Schule. Der oder die Schülersprecher/in vertritt uns alle also vor den Lehrern/innen und dem/der Direktor/in.

Das Amt des/der Schülersprecher/in beinhaltet zusätzlich die Leitung der Schülervertretung (SV) - Arbeit und die Organisation und Leitung der Schülerratssitzungen und die Teilnahme in der Schulkonferenz.


SV-Gremium
Das sogenannte Gremium der SV kann man eigentlich nicht direkt in das demokratische System der Schulorganisation einordnen. Es besteht aus freiwilligen Mitarbeitern, die sich mind. einmal die Woche treffen, um kurzfristige Aufgaben und Formalitäten zu erledigen und weitere Arbeiten der SV zu besprechen. Offizielles Stimmrecht für schulpolitische Dinge hat diese Gruppe nicht.


Klassensprecher/in / Kurssprecher/in
Die Klassensprecher/innen und die Oberstufensprecher/innen jedes Jahrgangs (pro 20 Schüler 1 Vertreter) vertreten ihre Klassen und Stufen im Schülerrat. Sie sollten die Meinungen ihrer Mitschüler vertreten und darlegen und sollten in deren Sinne ihre Stimme einsetzen. Außerdem dienen sie zur schnelleren Rücksprache zwischen der SV und den Klassen, bzw. Stufen.

Jeder Stufe / Klasse steht auf Antrag und in Absprache mit Klassen- bzw. Stufenleiter eine Stunde im Monat zur Besprechung von SV-, Klassen- oder Stufenangelegenheiten zu.Die Kurssprecher haben keine Funktion in der SV. Sie vertreten lediglich ihren Kurs vor dem/der unterrichtenden Lehrer/in.

Vertreter für die Schulkonferenz
Sie vertreten die Schülerschaft. In unserer Schulkonferenz sitzen 3 Schüler/innen, die vom Schülerrat gewählt werden sowie der/die Schulsprecher/in und die beiden Stellvertreter/innen.


Vertreter für die Fachkonferenz
Auch in den Fachkonferenzen der einzelnen Fächer haben Eltern und Schüler eine Vertretung. Der Schülerrat wählt aus einer Liste von freiwilligen Schülern/innen am Anfang jedes Schuljahres diese Vertreter/innen. Die Klassensprecher/innen und Jahrgangsstufensprecher/innen, können Ihre Interessenten (jeder kann sich freiwillig dafür melden) in der 1. SV - Sitzung jeden neuen Schuljahres zur Wahl stellen.

 

Die Gruppen in der Schule wollen natürlich alle ihr Mitspracherecht. So ist alles ganz schön kompliziert und die Einflussnahme der Schülerinnen und Schüler ist natürlich nicht so hoch, wie die der Verfassten Studierendenschaft an den Hochschulen. Momentane Bestrebungen der Landesregierung wollen zudem das Mitspracherecht der Schülerinnen und Schüler weiter einschränken.

Als nächstes möchte ich eine Stellungnahme der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft zur Demokratieerziehung vorstellen.

 

 

 

Stellungnahme zur Demokratieerziehung der GEW

Die Schule der Demokratie ist die Demokratie lebende Schule.

Demokratie ist vor allem eine Lebensform, die sich in Menschen verankert, wenn sie Demokratie erleben. Das Lehren der Bedeutung von Demokratie reicht für ein demokratisches Leben nicht aus. Die wichtigste Aufgabe der Schule ist es, das Zusammenleben zu lernen. Ein Zusammenleben der Vielfalt in der Gemeinsamkeit ist menschheitsgeschichtlich bedeutsamer als diese oder jene Spezialkenntnis. Viele fachspezifische Inhalte lassen sich zudem an anderen Orten intensiver, richtiger und schneller lernen als in der Schule (z.B. die Fremdsprachen in einer Umgebung der native speaker). Die Schule ist der gesellschaftlich entscheidende und in dieser Weise einzigartige Ort, an dem die nachwachsenden Generationen prägende Erfahrungen miteinander machen können: Erfahrungen, wie sie miteinander leben wollen, wie sie das können und worauf es im weiteren Leben ankommen soll.
Nur in der Schule treffen sich alle. Fast jeder andere Lebensbereich ist nach den unterschiedlichsten Kriterien aufgeteilt, gespalten. Darum ist eine Schule der Demokratie auch immer eine Schule für alle. Die Bedeutung einer gelebten Demokratie in der Schule ist umso bedeutsamer, je mehr prägende Zeit eine Schule in Anspruch nimmt. Wenn die Ganztagsschule kein Ort intensiver Demokratieerfahrung ist, beschädigt sie die Demokratie, was immer auch in ihr gelernt werden mag.


Bedacht und geklärt werden sollte,

was eine Schule der Demokratie wirklich auszeichnet.

wie immer wieder wahrgenommen werden kann, ob die Schule tatsächlich eine Polis ist, ein Ort, an dem alle Beteiligten die gemeinsamen Angelegenheiten gemeinsam regeln.

ob ein zergliedertes Schulwesen und eine spaltende Schulstruktur dem demokratischen Anspruch der Vielfalt in der Gemeinsamkeit nicht zuwiderlaufen.


Bewährt hat sich,

das demokratische Prinzip der Wahlfreiheit möglichst umfangreich im Lernprozess selbst beginnen zu lassen, also in der Freiheit zur Wahl der Inhalte, der Lernmethoden, der Lernzeiten etc.

wenn sich das für die Demokratie entscheidende Merkmal der Mündigkeit aller darin erweist und dadurch gefördert wird, dass vielfältige Formen der Selbsteinschätzung und der Selbstbewertung gepflegt werden.

wenn alles Lernen und Zusammenleben in der Schule vom Prinzip des Umgangs in gleicher Augenhöhe durchdrungen ist. Herablassung, gleich welcher Form, verletzt die Gleichwertigkeit bei aller Ungleichartigkeit.

wenn eine Feedback-Kultur gepflegt wird. Regelmäßiges Feedback, auch mit Konsequenzen, kommt in der Schule der Funktion von Wahlen im Staatswesen nahe.

wenn in der Schule möglichst viel Verantwortung unter allen
Beteiligten geteilt und wahrgenommen wird.

wenn die Schulentwicklung in einem Verantwortungsfünfeck gesteuert wird. Dazu gehören: die Lernenden, ihre Eltern, die professionellen Pädagogen/innen, die Partner der Schule aus dem Gemeinwesen und die Vertreter des demokratischen Staates.

wenn sich die Schule dem Gemeinwesen öffnet und als Nachbarschaftsschule versteht.

wenn die Schulleitung demokratisch gewählt wird und abwählbar
ist.

wenn die Schule wirklich ein Ort ist, an dem alle willkommen sind
– das gilt insbesondere für die Vielfalt der Kulturen.

wenn in der Schule Civil-Courage als wichtigste Tugend gestützt
und gefördert wird (z.B. durch jährliche Auszeichnungen).

 

Wie man merkt gibt es Stimmen für mehr und Stimmen für weniger Demokratie an Schulen. Doch es gibt auch Schulen, die sich selbst für Demokratie einsetzen und Projekte ins Leben rufen. Eines hiervon möchte ich hier vorstellen.

 

Demokratieprojekt an der Erich Kästner-Gesamtschule

 

Die Erich Kästner-Gesamtschule nimmt seit Frühjahr 2003 am Projekt ‚Demokratie lernen und leben' teil. Es läuft bis 2007 und ist eines der derzeit größten Projekte an deutschen Schulen. Inzwischen sind ca. 200 Schulen in 13 Bundesländern beteiligt (Infos dazu unter www.blk-demokratie.de). In Hamburg sind es außer unserer Schule 5 weitere Schulen (Gesamtschule Süderelbe, das Corvey-Gymnasium, das Gymnasium Rahlstedt sowie die HR-Schulen Theodor-Haubach und Osterbrook), mit denen wir in einem Netzwerk Zusammenarbeiten.
Wie der Name schon sagt, macht sich dieses Projekt für eine lebendige Demokratie in der Schule stark. Es möchte möglichst viele Kinder und Jugendliche für Demokratie interessieren und gewinnen. ‚Demokratie in der Schule' bedeutet dabei nicht nur die Wahrnehmung verbriefter Rechte in der Schule und die Beteiligung an Mitbestimmungsgremien wie Schülerrat und Schulkonferenz. Vielmehr geht es um die Mitwirkung bei allen schulischen Belangen, bei der Unterrichtsentwicklung, beim Schulleben und auch bei der äußeren Gestaltung der Schule. Und es geht um ein faires und respektvolles Miteinander.
Daher richtet sich dieses Projekt auch an alle drei Gruppen, die mit Schule zu tun haben: an SchülerInnen, Pädagog/innen und an Eltern. Es gibt viele interessante Angebote und Ideen in diesem Projekt und auch viele Herausforderungen. Alle können sich beteiligen!

 

Was ist an der EKG bisher gelaufen?


• Es wurde eine Projektgruppe eingerichtet, die das Projekt koordiniert. In dieser Gruppe arbeiten Schüler/innen, Lehre/innen, die Schulleiterin, ein Sozialpädagoge und Elternvertreter mit.

• Es wurde eine Litfaßsäule in der Pausenhalle aufgestellt, auf der  die Schulöffentlichkeit über alles informiert wird, was zum Demokratieprojekt läuft.

• Der Elternrat und der Schülerrat haben Schulungen vom Landesinstitut bekommen, wozu auch Treffen mit Schüler/Innen der anderen Hamburger Demokratieschulen gehören.

• Am Ende des Schuljahres 2003/04 haben Schüler/innen des GMK-LK ein größeres Diskussionsforum zum Thema ‚Kopftuchstreit' veranstaltet, wozu sie Vertreter verschiedener politischer und religiöser Positionen eingeladen haben.

• Im Jahrgang 8 hat zu Beginn des Schuljahres 2004/05 eine Projektwoche zur Gewaltprävention stattgefunden, die so viel Anklang fand, dass dies jetzt jedes Jahr im Jahrgang 8 veranstaltet werden soll.

•  Wes wurde eine Demokratieecke (Gruppentisch und Bücherregal) im Raum 12 (Vorraum zur Bibliothek) eingerichtet. Auch einige Computer mit Internetzugang wurden installiert. Inzwischen hat eine Schülergruppe aus Jg. 13 für diesen Raum ein Nutzungskonzept mit Regeln und Verantwortlichkeiten entwickelt, so dass dieser Raum als Schülerarbeitsraum für Sek.II-Schüler/innen (vormittags) und Treffpunkt für Projektgruppen und Gremien (nachmittags und abends) zur Verfügung steht.

• Es wurde eine AG zur Schulgestaltung am Hermelinweg gegründet, die sich dafür engagieren, dass aus der Schule eine schönere und besser zu nutzende Lernumgebung und ein angenehmerer Arbeitsplatz wird.

 

Was sind die weiteren Vorhaben an der EKG?


• Die Gewaltprävention an der EKG soll von den Vorhaben an der Primarstufe und den Jahrgängen 5/6 (Faustlos, Faire Pause, Fairmittler) über die Streitschlichterausbildung bis zur Projektwoche im Jahrgang 8 besser miteinander verbunden werden. Die einzelnen Vorhaben sollen aufeinander aufbauen. Man verspricht sich davon, dass sich mehr Schüler/innen beteiligen und ihnen Möglichkeiten an die Hand gegeben wird, sich selbstständig und aktiv gegen Gewalt zu behaupten. Eher mittel- und langfristig ist geplant, an der EKG eine Schulcharta zu entwickeln. Die Vorhaben zur Gewaltprävention könnten dazu ein erster Schritt sein.

• Die Schulgestaltung am Hermelinweg soll mit möglichst großer Schülerbeteiligung vonstatten gehen. Gedacht ist an eine Zukunftswerkstatt, die von einer Schülerdelegiertenversammlung getragen wird. Auch das Kollegium soll mitbestimmend und gestaltend an diesem Prozess teilnehmen.

• Für Schülerrat und Klassensprecher sollen weitere Schulungen angeboten werden. Dabei soll an den positiven Erfahrungen der auch an diesem Projekt beteiligten GS Süderelbe angeknüpft werden. Das Schülerparlament an der Berner Au soll weiter gestärkt werden und kann für die Schülerarbeit am Hermelinweg als Vorbild wirken.

• Die Öffentlichkeitsarbeit soll verbessert werden. Dazu gehört neben der Litfaßsäule auch ein Newsletter, der auf der Schul-Homepage veröffentlicht werden soll. Der erste Newsletter aus dem Dezember 2004 enthält grundlegende Informationen über das Projekt. Außerdem werden dort laufend interessante Nachrichten aus diesem Projekt - auch aus anderen Schulen - und Angebote zu Fortbildungen zu finden sein.

• Ein wichtiger Beitrag zur Demokratisierung von Unterricht können kooperative Lernformen sein, wie sie derzeit durch das sog. ‚Regionalprojekt' , ein Fortbildungs- und Schulentwicklungsprojekt an der Schule, von allen Lehrer/innen erprobt werden. In verschiedenen schulischen Gruppen wurde der Wunsch geäußert, dass die Schüler/innen ein Feedback geben beim Erproben der neuen kooperativen Lernformen.

 

Fazit

Man sieht also, dass auch in Schulen um Demokratie und Mitbestimmung gekämpft werden muss. Was der Politik oft nicht lieb ist, wird von Erziehungswissenschaftler/innen,  Pädagog/innen, Gewerkschaftler/inne aber auch von Lehrer/innen, Eltern und Schüler/innen gefordert. Einzelne Projekte an Schulen zeigen den Willen zur demokratischen Weiterentwicklung unserer Gesellschaft.

 

Letztes Update ( Dienstag, 22 August 2006 )
 
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