Arbeitslosigkeit – oder die ungleiche
Verteilung von Arbeit - ist eines der größten Probleme
unserer Gesellschaft – das weiß auch die EU. Anfang 2000
wurde der „Lisbon Special european council“ einberufen. Dort
wurde ein 10-Jahres Programm vorgestellt, um Europa zur dynamischsten
und konkurrenzfähigsten Wirtschaftsregion der Welt zu machen 1.
Im Vergleich zu den USA, die als schärfster Konkurrent empfunden
werden, wurden unter anderem an folgende Punkte Verbesserungen für
besonders nötig
gehalten: 2
In Europa arbeiten wesentlich
weniger Frauen als in den USA.
In Europa, allen voran
Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien,
herrscht eine hohe strukturelle (langzeit) Arbeitslosigkeit .
Als Lösung wird, gemäß
dem wirtschaftsliberalen Weltbild, eine weitere Liberalisierung und
Flexibilisierung des Arbeitsmarktes angesehen, die der Wirtschaft
günstige Bedingungen schafft, die diese dann wiederum mit neue
Arbeitsplätze dankt.
Soweit die Theorie. In
Deutschland ist noch keine signifikante Senkung der Arbeitslosenquote
erkennbar3,
in Frankreich ist die Frustration in den Vorstädten so hoch,
dass es im Herbst zu starken Krawallen kam. Trotzdem wird an den
Leitlinien der Umstrukturierung festgehalten, die Liberalisierung sei
einfach noch nicht fortgeschritten genug. Momentan steht unter
anderem4
der Kündigungsschutz auf der Tagesordnung. Durch ihn würden
Unternehmen davon abgeschreckt neue MitarbeiterInnen einzustellen, da
sie diesen bei schlechterer wirtschaftlicher Lage nicht kündigen
könnten. Fiele der Kündigungsschutz weg, würden also
mehr Arbeitsplätze geschaffen. In Frankreich wurde vor kurzem
ein Gesetz zur „Chancengleichheit“
beschlossen. Ein Teil, der CPE, der es Unternehmen ermöglicht
Erstangestellten unter 26 Jahren innerhalb der ersten 2 Jahre ohne
Angabe von Gründen zu kündigen, musste von Premierminister
Villepin nach massiven Protesten von SchülerInnen, Studierenden
und Gewerkschaften zurückgenommen werden – ein politisches
Fiasko für die französische Regierung.
Die Große Koalition plant5
ähnliches, allerdings will man noch weiter gehen. Für alle
Arbeitsverträge soll eine zweijährige Probezeit möglich
sein (jetzt 6 Monate), während der ohne Angabe von Gründen
gekündigt werden kann. Das gilt nicht nur für
Ersteinstellungen bei einem Arbeitgeber, sondern auch, wenn die
letzte Beschäftigung bei diesem Arbeitgeber mindestens 6 Monate
zurückliegt. Um den Anteil unbefristeter Verträge zu
erhöhen, soll den Arbeitgebern die Möglichkeit genommen
werden ein Arbeitsverhältnis innerhalb der ersten 24 Monate
sachgrundlos zu befristen. Da in den ersten 24 Monaten aber ohne
Angabe von Gründen gekündigt werden können soll ist
diese Regelung fast nichtig.
Der Gesetzgebungsprozess wurde vor
einigen Wochen von Müntefering gestoppt, da die CDU angeblich
immer weiter vom Koalitionsvertrag abweichende Regelungen einfordert.
Wie diese Regelungen aussehen ist unbekannt, es ist aber zu vermuten,
dass es sich um Vorschläge zum weitergehenden Abbau des
Kündigungsschutzes handelt.
Ob der Abbau des Kündigungsschutzes
mehr Arbeitsplätze bringt ist unklar, sicher ist aber, dass er
mehr prekäre Arbeitsverhältnisse schafft. Kündigungsschutz
bietet den Arbeitnehmern Sicherheiten. Sie können ihr Leben mit
einem festen finanziellen Rahmen planen, was besonders für die
Familienplanung unumgänglich ist. Der Kündigungsschutz gibt
den Arbeitnehmern außerdem die Möglichkeit ihre Rechte
gegenüber den Arbeitgebern einzufordern und schafft so bessere
Arbeitsbedingungen.
Wird der Kündigungsschutz
abgeschafft - wenn auch nur für die ersten zwei Jahre eines
Arbeitsverhältnisses - fehlt den Arbeitnehmer neben einer
gewissen Planungssicherheit auch die Möglichkeit sich gegen
schlechte Arbeitsbedingungen zu wehren. Wer Betriebsräte
gründen, seine Überstunden bezahlt haben oder sich für
bessere Arbeitsbedingungen einsetzen möchte, läuft sofort
Gefahr gefeuert zu werden. Die Angst vor Arbeitslosigkeit und der
damit verbundenen Ausgrenzung aus der Gesellschaft, in der Status
über Arbeit und Geld definiert ist, macht auch widerspenstige
Naturen gefügsam. Anstatt, wie vermeintlich beabsichtigt,
unbefristete Arbeitsverhältnisse zu fördern, werden
kurzfristige Arbeitsverhältnisse gefördert, besonders in
niedrig qualifizierten Bereichen, in denen das Anlernen neuer
Arbeitskräfte wenig (finanziellen) Aufwand bedeutet. Gerade
diese Bereiche sind aber sowie so schon besonders stark von
Arbeitslosigkeit und prekären Arbeitsverhältnissen
betroffen. Aber auch hoch qualifizierte Arbeitnehmer müssen mit
schlechteren Arbeitsbedingungen rechnen. Während die einen aus
Angst vor Kündigung kostenlose Überstunden schieben suchen
andere vergeblich einen Job – die Arbeit wird durch Überstunden
anderer geleistet. Wird man für ein bestimmtes Projekt
angestellt ist es keinesfalls sicher, dass man den Job auch nach Ende
des Projekts behält. Im Zweifelsfalls kann der Arbeitgeber ja
sogar ein und denselben Arbeitnehmer nach sechs Monaten erneut ohne
Kündigungsschutz einstellen. Eventuelle positive Effekte auf die
Arbeitsverteilung – Arbeitgeber könnten für kurzfristige
Projekte zusätzliche Kräfte einstellen, anstatt andere
Überstunden machen zu lassen – werden auf die Dauer durch die
weiterhin steigende Produktivität zu Nichte gemacht werden.
Außerdem macht der hohe Druck auf die Arbeitnehmer es einfach
Überstunden zu verlangen.
Ich möchte damit keinesfalls
sagen, dass es momentan rosig im für Arbeitnehmer aussieht und
Reformen unnötig wären, die geplante Reform wird nur nichts
verbessern, zumindest nicht auf Arbeitnehmerseite. Die Arbeitgeber
hingegen bekommen günstigere Arbeitskräfte, die dazu noch
weniger Ansprüche stellen. Die Unternehmen erreichen so einen
Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen und stärken den
Wirtschaftsstandort Deutschland, in dem Sinne funktioniert die
Liberalisierung also. Profitieren tun davon aber nur wenige, eben die
Arbeitgeber, denen es nichts ausmacht, die Notsituation ihrer
Angestellten auszunutzen und sie so auszubeuten, und ihre Aktionäre.
Liberalisierung als Begriff für diesen Prozess kann in den Ohren
vieler Arbeitnehmer nur wie Hohn klingen. Nach dem Motto „Du hast
die Freiheit dich anzupassen“, ist die einzige Freiheit die ihnen
bleibt, zu jeder Bedingung zu arbeiten oder Arbeitslos zu werden.
1
Vor diesem Hintergrund sind auch andere
Umstrukturierungsprozesse, wie der Bologna Prozess, oder die Agenda
2010 zu sehen. Das Zieldatum 2010 ist nicht von ungefähr bei
allen identisch.
3
Da 1-Euro Jobber nicht als Arbeitslos gezählt werden, aber
keinen regulären Arbeitsplatz haben (höchstens einen
ersetzen), sondern weiter ALG II beziehen, dürfte die wahre
Zahl der Arbeitslosen weiterhin steigen
4
Liberalisierung des europaweiten Arbeitsmarktes durch die
Bolkestein-Richtlinie
|