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Eine Schule für alle? Drucken E-Mail
Geschrieben von Mirco   
Mittwoch, 23 November 2005
Warum dies in Deutschland nicht so einfach ist

Bereits bei den letzten Studierendenprotesten und auch bei den jetzt angekündigten taucht im Rahmen des Wunsches nach einer „solidarischen“ Gesellschaft immer wieder die Forderung nach einer Schule für alle auf. Damit ist in den meisten Fällen wohl nicht einfach die Erweiterung des derzeitigen Gesamtschulprogramms gemeint, sondern eine Schule zu der alle schulpflichtigen Kinder bis z.B. zur 9. Klasse gehen. Damit verbunden ist natürlich die Hoffnung, das soziale Selektion verhindert wird und somit gleiche Chancen für alle entstehen, egal aus welcher sozialen oder Bildungsschicht sie kommen.  

Dabei ist der Leitspruch „Gleiche Chancen für alle“ nicht etwa eine neue Erfindung oder einfach dem Wahlprogramm der Linkspartei entnommen, sondern bereits grundlegend für die Diskussion in der Bildungspolitik zu Beginn der Weimarer Zeit. Der Zusammenbruch des monarchischen Prinzips, das Entstehen der ersten vollständigen deutschen Demokratie und die Jugend, die sich nunmehr notwendig als eigenständige Kraft sieht, bewirken einen gesellschaftlichen Diskurs, der letztlich ein Bildungssystem für alle vorsieht. Die alten Kräfte des gehobenen Bürgertums und des Adels sehen sich der Mündigkeit des ganzen Volkes gegenüber. Bildung wird nicht mehr nur noch den „besseren“ Schichten zugestanden, der sogar nur etwaige Besuch einer Volksschule gegenüber dem Besuch eines Progymnasiums, ist nicht mehr tragfähig. Die Ausbildung zum in der Gesellschaft funktionierenden Menschen gegenüber der höheren Bildung in den Gymnasien mit den damit verbundenen Chancen, werden so von der breiten Masse nicht mehr akzeptiert. 1920 wird daraufhin die Grundschule als erste Schulstufe für alle schulpflichtigen Kinder gegründet. Man merkt auch, hier taucht erstmals der Begriff Schulpflicht auf. Sie ist gerade wichtig, wenn auch meist nicht eingehalten, für die niederen sozialen Schichten, die ihre Kinder für die Produktion, zur Sicherung des Lebensunterhalts (miss-)brauchten. Auslöser für die ganze Entwicklung war sicherlich die Verschärfung des Kapitalismus durch die Industrialisierung, die einen enormen Zuzug in die Städte verursachte, wo man nun oftmals auf engstem Raum meist sogar mit fremden Menschen zusammenwohnte. Gleichzeitig stellten die Erwerbsarbeiter eine neue Statusgruppe dar, die sich zum einen in der Gründung der SPD am 25.05.1875, dem Erstarken der Gewerkschaften oder der Schaffung sozialer Sicherungssysteme ausdrückt. Die gehobenen Schichten wollten natürlich nicht akzeptieren, dass ihre Kinder gemeinsam mit Kindern der niedrigeren Schichten ausgebildet werden und die gleichen Chancen erhalten sollten.

Dies erledigte sich allerdings bald, weil die sozialen Ungleichheiten trotz des neuen Systems in der Schule nahezu ungehindert weiter reproduziert wurden. Die Verteilung auf Volksschulen und Gymnasien nach der gemeinsamen Grundschulzeit präsentierte sich nicht wesentlich anders als zuvor. Propädeutisch hierfür werden die sozialen Ausgangslagen sein, die sich auch heute noch in Begriffen wie „bildungsferne“ oder „sozial schwache“ Schichten zeigen. Somit sind wir auch schon am Knackpunkt des deutschen Schulsystems. Beginnend mit einer gemeinsamen Grundschulzeit, wird oftmals bereits nach der vierten Klasse in die Schulformen selektiert. Die Selektionsfunktion und die Reproduktion sozialer Ungleichheiten ist in fast keinem anderen Land so groß wie in Deutschland, wie nicht zuletzt die internationalen Studien, wie die OECD-Studie PISA, die vorige Third International Mathematics and Science Studie(TIMMS), sowie diverse weitere wie IGLU/E IAU usw. gezeigt haben. Darin sind wir Weltmeister; Chancen vergeben und Ressourcen verschenken mit früher Selektion und unzureichender Förderung ist in den „Siegerländern“ dieser Studien völlig undenkbar. Der oft vollzogene Schritt, die Leistung auf offene Unterrichtsformen zu usw. im Klassenraum umzugehen, jedoch in Japan z. B. gar nicht zu finden. Dort wird es anscheinend geschafft, mit einer starken Lehrerzentrierung einen interessanten, motivierenden Unterricht zu schaffen, der so gute Leistungen hervorbringt, dass auch Japan zu den „Siegerländern“ gezählt werden kann. Ein generelles Merkmal scheint aber tatsächlich eine späte Selektion und somit lange gemeinsame Schulzeit zu sein, wie sie alle „Siegerländer“, sei es Japan, Kanada oder die skandinavischen Länder aufweisen. Doch hier bin ich wieder bei dem Punkt, dass man dieses Merkmal nicht einfach auf andere Schulsysteme übertragen kann. Schaut man auf die Entstehung des deutschen Schulsystems, so ist zwar richtig, dass die gemeinsame Grundschule aus der Einheitsschulbewegung entstanden ist, aber eine längere gemeinsame Schulzeit als vier Jahre oder in Ausnahmefällen, wie sie heute noch Berlin oder Brandenburg darstellen, sechs Jahre, war zunächst aufgrund des Widerstandes der gehobenen Schichten nicht möglich. Selbst das totalitäre politische System des Nationalsozialismus hatte im großen und ganzen einfach das Schulsystem der Weimarer Zeit übernommen, natürlich mit noch stärkerer Gewichtung auf den Heimatgedanken und die Favorisierung biologischer statt geistiger Überlegenheit. Das Ende des Zweiten Weltkrieges stellte somit zugleich die große Chance dar, die Einheitsschule wieder ins Gespräch zu bringen. Der Ausruf der DDR als eigenen Staat, das Aufeinandertreffen des Kapitalismus und des Kommunismus, der Kalte Krieg und die daraus resultierende schwierige politische Lage in Deutschland sollten im weiteren die Bestrebungen wieder zurückwerfen. 

1955 wurden jegliche Einheitsschulen verboten, da sie unter „generellem Kommunismusverdacht“ standen. Erst Ende der 80er sollten wieder Einheitsschulen, mithin aber nicht für alle, sondern als Nebenform zu den  traditionellen Schulformen entstehen; die Gesamtschulen. Das Zusammenbrechen des DDR-Staates und die Angliederung an die Bundesrepublik Deutschland sollten die Differenz der Schulsysteme zeigen. Eine lange gemeinsame Schulzeit, kein Sitzen bleiben und die Verpönung des Selektierens sollten allerdings keinen Bestand haben, das Schulsystem der DDR wurde dem der Bundesrepublik weitestgehend einfach angeglichen. Dieser weitere Rückschlag für die Einheitsschulbewegung ist zugleich Kennzeichen dafür, wie schwierig es ist, die Merkmale der Siegerländer auf das deutsche Schulsystem zu übertragen. Die Geschichte und die ihr immanente Politik des deutschen Staates repräsentiert im Gegensatz zu anderen Ländern das Schulsystem. So wurde die politische Durchsetzung zur Veränderung des Schulsystems als Erfolg einzelner Parteien oder Koalitionen gefeiert und nicht als selbstverständliche Weiterentwicklung des Systems unabhängig parteipolitischer Strömungen betrieben. In den skandinavischen Ländern ist natürlich ausnahmslos ein Wechsel vom politischen System in Deutschland ausgesehen linken zu noch linkeren politischen Inhalten zu verzeichnen, was die Entwicklung der Einheitsschulen, die hier exemplarisch genannt seien und natürlich vielen anderen schulpolitischen Errungenschaften, die zu dem Erfolg bei den internationalen Studien geführt haben dürften,  vorangetrieben haben wird. Als Gegenbeispiel sei hier aber z.B. das englische Schulsystem zu nennen, das sich, trotz eines vergleichbaren politischen Wechsels von linken und rechten Parteien wie in Deutschland, fortwährend weiterentwickelte und in den Studien bessere Ergebnisse liefert, als es das deutsche Schulsystem tut. Ein weiterer Grund für die schwierige Schulreform oder Schulentwicklung, wie sie inzwischen genannt wird, ist die Länderhoheit. Beispielhaft sei die Entwicklung des Schulsystems in Niedersachsen gezeigt. So haben wir mit der gegenwärtigen CDU-Landesregierung die Zerschlagung der Förderstufen bzw. Orientierungsstufen beobachten können, zugunsten einer noch früheren Selektion nach der Grundschule, also bereits nach der vierten Klasse.

Die neue schwarz-rote Regierung sieht in ihrer Föderalismus-Reform sogar vor, Bildung ausschließlich zur Ländersache zu machen. Dies wird nicht zuletzt eine Forderung der Union gewesen sein, die im Moment in fast allen Ländern die Regierung stellt. Bestrebungen, die Einheitsschule voran zu treiben, sei es auch nur in Form des Gesamtschulprogramms der SPD, werden dadurch zwangsläufig wohl eher blockiert als gefördert. Allerdings verkündete die große Koalition bereits, dass das Gesamtschulprogramm der SPD-Regierung vorerst weiterlaufen soll.

Insgesamt ist Deutschland vom Einheitsschulgedanken also noch sehr weit entfernt und dies ist nicht nur in der Politik so, sondern wohl auch in der Gesellschaft. Nicht zuletzt der teilweise schlechte Ruf der Gesamtschulen, als „einfacherer Weg“ trägt seinen Teil dazu bei und ist auch Symptom der gesellschaftlichen Bewertung. Eine Schule, wo alle, egal aus welcher Schicht sie kommen, zusammen lernen, das schreckt oftmals eher ab, als dass es die Lösung einiger Probleme des deutschen Schulsystems zu sein scheint. Bestätigt fühlt man sich dann natürlich noch von den mäßigen Ergebnissen in der letzten PISA-Studie des Bundeslandes mit dem größten Gesamtschulprogramm, nämlich Nordrhein-Westfalen. Das Abschneiden wird dann gerne mal darauf bezogen, dass Gesamtschulen der falsche Weg seien.

Besser klingt dann doch so etwas wie Elitenförderung, d.h die Besten werden extra gefördert(meist finanziell), wobei diese zum Großteil aus den sozial gehobeneren und „bildungsnahen“ Schichten stammen. Da fühlen sich konservative Kräfte natürlich wieder bestätigt und vergessen dabei ganz einfach die Lernausgangslagen. Elitenförderung verspricht scheinbar schnelle und gute Ergebnisse und spiegelt damit wohl eher die verbreitete Mentalität in Deutschland wieder.

Seltsamerweise ist dies bei den „Siegerländern“ genau anders. Da geht man lieber den steinigen Weg, auch die Kinder aus den „sozialschwachen“ und „bildungsfernen“ Schichten mitzunehmen und besitzt dann auch noch die Dreistigkeit, mit genau den Schulen und mit diesen Schülerinnen und Schülern die landesweit besten Ergebnisse zu erzielen und auch noch stolz darauf zu sein(siehe z.B. Schweden). Ich denke, davon ist man hierzulande noch weit entfernt, auch wenn Menschen dafür auf die Straße gehen und auch ein Großteil der Schulexperten/innen eine Schule für alle zu wünschen scheint. Gesellschaftlicher Konsens ist es wohl nicht, denn sonst wäre wohl die Politik schon in größerem Maße auf den Trichter gekommen, damit Wählerstimmen fangen zu können.


Literaturhinweis:

Schmerr, Martina: Was machen die Schweden anders? –Eine Reise zu den Schulen des Nordens In: Die Deutsche Schule. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, Bildungspolitik und pädagogische Praxis. 94. Jg. mehrere Orte 2002/ Heft 3, S. 282-289
Sandfuchs, Uwe; Götz, Margarete: Geschichte der Grundschule. In: Einsiedler, Wolfgang; Götz, Margarete; Hacker, Hartmut; Kahlert, Joachim, Keck, Rudolf W.; Sandfuchs, Uwe(Hrsg.): Handbuch Grundschulpädagogik und Grundschuldidaktik. Regensburg 2001 S. 13-29

Letztes Update ( Dienstag, 03 Januar 2006 )
 
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