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Warum dies in Deutschland nicht so einfach ist
Bereits bei den letzten Studierendenprotesten und
auch bei den jetzt angekündigten taucht im Rahmen des Wunsches nach einer
„solidarischen“ Gesellschaft immer wieder die Forderung nach einer Schule für
alle auf. Damit ist in den meisten Fällen wohl nicht einfach die Erweiterung
des derzeitigen Gesamtschulprogramms gemeint, sondern eine Schule zu der alle
schulpflichtigen Kinder bis z.B. zur 9. Klasse gehen. Damit verbunden ist
natürlich die Hoffnung, das soziale Selektion verhindert wird und somit gleiche
Chancen für alle entstehen, egal aus welcher sozialen oder Bildungsschicht sie
kommen.
Dabei ist der Leitspruch „Gleiche
Chancen für alle“ nicht etwa eine neue Erfindung oder einfach dem Wahlprogramm der
Linkspartei entnommen, sondern bereits grundlegend für die Diskussion in der
Bildungspolitik zu Beginn der Weimarer Zeit. Der Zusammenbruch des
monarchischen Prinzips, das Entstehen der ersten vollständigen deutschen
Demokratie und die Jugend, die sich nunmehr notwendig als eigenständige Kraft
sieht, bewirken einen gesellschaftlichen Diskurs, der letztlich ein
Bildungssystem für alle vorsieht. Die alten Kräfte des gehobenen Bürgertums und
des Adels sehen sich der Mündigkeit des ganzen Volkes gegenüber. Bildung wird
nicht mehr nur noch den „besseren“ Schichten zugestanden, der sogar nur etwaige
Besuch einer Volksschule gegenüber dem Besuch eines Progymnasiums, ist nicht
mehr tragfähig. Die Ausbildung zum in der Gesellschaft funktionierenden Menschen
gegenüber der höheren Bildung in den Gymnasien mit den damit verbundenen
Chancen, werden so von der breiten Masse nicht mehr akzeptiert. 1920 wird
daraufhin die Grundschule als erste Schulstufe für alle schulpflichtigen Kinder
gegründet. Man merkt auch, hier taucht erstmals der Begriff Schulpflicht auf.
Sie ist gerade wichtig, wenn auch meist nicht eingehalten, für die niederen
sozialen Schichten, die ihre Kinder für die Produktion, zur Sicherung des Lebensunterhalts (miss-)brauchten. Auslöser für die
ganze Entwicklung war sicherlich die
Verschärfung des Kapitalismus durch die Industrialisierung, die einen enormen
Zuzug in die Städte verursachte, wo man nun oftmals auf engstem Raum meist
sogar mit fremden Menschen zusammenwohnte.
Gleichzeitig stellten die Erwerbsarbeiter eine neue Statusgruppe dar, die sich
zum einen in der Gründung
der SPD am 25.05.1875, dem Erstarken der Gewerkschaften oder der Schaffung sozialer Sicherungssysteme
ausdrückt. Die gehobenen Schichten wollten natürlich nicht akzeptieren, dass
ihre Kinder gemeinsam mit Kindern der niedrigeren Schichten ausgebildet werden
und die gleichen Chancen erhalten sollten.
Dies erledigte sich allerdings bald, weil die sozialen Ungleichheiten
trotz des neuen Systems in der Schule nahezu ungehindert weiter reproduziert
wurden. Die Verteilung auf Volksschulen und Gymnasien nach der gemeinsamen
Grundschulzeit präsentierte sich nicht wesentlich anders als zuvor.
Propädeutisch hierfür werden die sozialen Ausgangslagen sein, die sich auch
heute noch in Begriffen wie „bildungsferne“ oder „sozial schwache“ Schichten
zeigen. Somit sind wir auch schon am Knackpunkt des deutschen Schulsystems.
Beginnend mit einer gemeinsamen Grundschulzeit, wird oftmals bereits nach der
vierten Klasse in die Schulformen selektiert. Die Selektionsfunktion und die
Reproduktion sozialer Ungleichheiten ist in fast keinem anderen Land so groß
wie in Deutschland, wie nicht zuletzt die internationalen Studien, wie die
OECD-Studie PISA, die vorige Third International Mathematics and Science
Studie(TIMMS), sowie diverse weitere wie IGLU/E IAU usw. gezeigt haben. Darin
sind wir Weltmeister; Chancen vergeben und Ressourcen verschenken mit früher
Selektion und unzureichender Förderung ist in den „Siegerländern“ dieser Studien völlig undenkbar. Der oft vollzogene
Schritt, die Leistung auf offene Unterrichtsformen zu usw. im Klassenraum umzugehen, jedoch in Japan z.
B. gar nicht zu finden. Dort wird es anscheinend
geschafft, mit einer starken Lehrerzentrierung einen interessanten,
motivierenden Unterricht zu schaffen, der so gute Leistungen hervorbringt, dass
auch Japan zu den „Siegerländern“ gezählt werden kann. Ein generelles Merkmal
scheint aber tatsächlich eine späte Selektion und somit lange gemeinsame
Schulzeit zu sein, wie sie alle „Siegerländer“, sei es Japan, Kanada oder die
skandinavischen Länder aufweisen. Doch hier bin ich wieder bei dem Punkt, dass
man dieses Merkmal nicht einfach auf andere Schulsysteme übertragen kann.
Schaut man auf die Entstehung des deutschen Schulsystems, so ist zwar richtig,
dass die gemeinsame Grundschule aus der Einheitsschulbewegung entstanden ist,
aber eine längere gemeinsame Schulzeit als vier Jahre oder in Ausnahmefällen,
wie sie heute noch Berlin oder Brandenburg darstellen, sechs Jahre, war
zunächst aufgrund des Widerstandes der gehobenen Schichten nicht möglich.
Selbst das totalitäre politische System des Nationalsozialismus hatte im großen
und ganzen einfach das Schulsystem der Weimarer Zeit übernommen, natürlich mit
noch stärkerer Gewichtung auf den Heimatgedanken und die Favorisierung
biologischer statt geistiger Überlegenheit. Das Ende des Zweiten Weltkrieges
stellte somit zugleich die große Chance dar, die Einheitsschule wieder ins
Gespräch zu bringen. Der Ausruf der DDR als eigenen Staat, das Aufeinandertreffen des Kapitalismus und des Kommunismus,
der Kalte Krieg und die daraus resultierende schwierige politische Lage in
Deutschland sollten im weiteren die Bestrebungen wieder zurückwerfen.
1955 wurden jegliche Einheitsschulen verboten, da sie unter „generellem
Kommunismusverdacht“ standen. Erst Ende der 80er sollten wieder
Einheitsschulen, mithin aber nicht für alle, sondern als Nebenform zu den traditionellen Schulformen entstehen; die
Gesamtschulen. Das Zusammenbrechen des DDR-Staates und die Angliederung an die
Bundesrepublik Deutschland sollten die Differenz der Schulsysteme zeigen. Eine
lange gemeinsame Schulzeit, kein Sitzen bleiben und die Verpönung des
Selektierens sollten allerdings keinen Bestand haben,
das Schulsystem der DDR wurde dem der Bundesrepublik weitestgehend
einfach angeglichen. Dieser weitere Rückschlag für die Einheitsschulbewegung
ist zugleich Kennzeichen dafür, wie schwierig es ist, die Merkmale der
Siegerländer auf das deutsche Schulsystem zu übertragen. Die Geschichte und die
ihr immanente Politik des deutschen Staates repräsentiert im Gegensatz zu
anderen Ländern das Schulsystem. So wurde die politische Durchsetzung zur
Veränderung des Schulsystems als Erfolg einzelner Parteien oder Koalitionen
gefeiert und nicht als selbstverständliche Weiterentwicklung des Systems
unabhängig parteipolitischer Strömungen betrieben. In den skandinavischen
Ländern ist natürlich ausnahmslos ein Wechsel vom
politischen System in Deutschland ausgesehen linken zu noch linkeren politischen Inhalten zu verzeichnen, was die
Entwicklung der Einheitsschulen, die hier exemplarisch
genannt seien und natürlich vielen anderen schulpolitischen Errungenschaften,
die zu dem Erfolg bei den internationalen Studien geführt haben dürften, vorangetrieben haben wird. Als Gegenbeispiel
sei hier aber z.B. das englische Schulsystem zu nennen, das sich, trotz eines vergleichbaren politischen Wechsels von linken und
rechten Parteien wie in Deutschland, fortwährend weiterentwickelte und in den
Studien bessere Ergebnisse liefert, als es das deutsche Schulsystem tut. Ein
weiterer Grund für die schwierige Schulreform oder Schulentwicklung, wie
sie inzwischen genannt wird, ist die Länderhoheit. Beispielhaft sei die
Entwicklung des Schulsystems in Niedersachsen gezeigt. So haben wir mit der
gegenwärtigen CDU-Landesregierung die Zerschlagung der Förderstufen bzw.
Orientierungsstufen beobachten können, zugunsten einer noch früheren Selektion
nach der Grundschule, also bereits nach der vierten Klasse.
Die neue schwarz-rote
Regierung sieht in ihrer Föderalismus-Reform
sogar vor, Bildung ausschließlich zur Ländersache zu machen. Dies wird
nicht
zuletzt eine Forderung der Union gewesen sein, die im
Moment in fast allen Ländern die Regierung stellt. Bestrebungen, die
Einheitsschule voran zu treiben, sei es auch nur in Form des
Gesamtschulprogramms der SPD, werden dadurch zwangsläufig wohl eher
blockiert
als gefördert. Allerdings verkündete die große Koalition bereits, dass
das
Gesamtschulprogramm der SPD-Regierung vorerst weiterlaufen soll.
Insgesamt ist Deutschland vom Einheitsschulgedanken also noch sehr weit
entfernt und dies ist nicht nur in der Politik so, sondern wohl auch in der
Gesellschaft. Nicht zuletzt der teilweise schlechte Ruf der Gesamtschulen, als
„einfacherer Weg“ trägt seinen Teil dazu bei und ist auch Symptom der
gesellschaftlichen Bewertung. Eine Schule, wo alle, egal aus welcher Schicht
sie kommen, zusammen lernen, das schreckt oftmals eher ab, als dass es die
Lösung einiger Probleme des deutschen Schulsystems zu sein scheint. Bestätigt
fühlt man sich dann natürlich noch von den mäßigen Ergebnissen in der letzten
PISA-Studie des Bundeslandes mit dem größten
Gesamtschulprogramm, nämlich Nordrhein-Westfalen. Das Abschneiden wird dann
gerne mal darauf bezogen, dass Gesamtschulen der falsche Weg seien.
Besser klingt dann doch so etwas wie Elitenförderung, d.h die Besten
werden extra gefördert(meist finanziell), wobei diese zum Großteil aus den
sozial gehobeneren und „bildungsnahen“ Schichten stammen. Da fühlen sich
konservative Kräfte natürlich wieder bestätigt und vergessen dabei ganz einfach
die Lernausgangslagen. Elitenförderung verspricht scheinbar schnelle und gute
Ergebnisse und spiegelt damit wohl eher die verbreitete Mentalität in
Deutschland wieder.
Seltsamerweise ist dies bei den
„Siegerländern“ genau anders. Da geht man lieber den steinigen Weg, auch die
Kinder aus den „sozialschwachen“ und „bildungsfernen“ Schichten mitzunehmen und
besitzt dann auch noch die Dreistigkeit, mit genau den Schulen und mit diesen
Schülerinnen und Schülern die landesweit besten Ergebnisse zu erzielen und auch
noch stolz darauf zu sein(siehe z.B. Schweden). Ich denke, davon ist man
hierzulande noch weit entfernt, auch wenn Menschen dafür auf die Straße gehen
und auch ein Großteil der Schulexperten/innen eine Schule für alle zu wünschen
scheint. Gesellschaftlicher Konsens ist es wohl nicht, denn sonst wäre wohl die
Politik schon in größerem Maße auf den Trichter gekommen, damit Wählerstimmen
fangen zu können.
Literaturhinweis:
Schmerr, Martina: Was machen die Schweden anders?
–Eine Reise zu den Schulen des Nordens In: Die Deutsche Schule. Zeitschrift für
Erziehungswissenschaft, Bildungspolitik und pädagogische Praxis. 94. Jg.
mehrere Orte 2002/ Heft 3, S. 282-289
Sandfuchs, Uwe; Götz, Margarete: Geschichte der
Grundschule. In: Einsiedler, Wolfgang; Götz, Margarete; Hacker, Hartmut;
Kahlert, Joachim, Keck, Rudolf W.; Sandfuchs, Uwe(Hrsg.): Handbuch
Grundschulpädagogik und Grundschuldidaktik. Regensburg 2001 S. 13-29 |