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Ein Versuch zur bildungstheoretischen Betrachtung
der Vorkommnisse in Frankreich
Wenn wir derzeit in den Medien von
den Unruhen in Frankreich hören, ausgehend von einem Pariser Vorort, dann
müssen wir uns auch die Frage stellen, welche Relevanz Interkulturalität in
einer sogenannten multikulturellen Gesellschaft hat.
Eine gesamtgesellschaftliche
Analyse ist in diesem Bezug wahrscheinlich gar nicht möglich. Die historische
Entwicklung der französischen Gesellschaft gerade im Hinblick auf die größte
ethnische Minderheit mit Migrationshintergrund aus Algerien, ist politisch
brisant und eine Betrachtung aus deutscher Sicht wahrscheinlich immer zu
einseitig sowie vereinfachend.
Allerdings sollte ein Einbezug des
Bildungssystems zu dieser Problematik auf jeden Fall erfolgen. Nicht zuletzt
wegen der in den Medien immer wieder aufkommenden Frage, ob ähnliches auch in
Deutschland passieren könnte. Eine Antwort darauf soll hier natürlich nicht
gegeben werden, aber ein vergleichender Blick auf den Umgang mit
Interkulturalität gibt zumindest Einsichten.
Zuletzt war es Ulrich Wickert, der
in einem Interview auf die französische Migrationpolitik hinwies, die die
Jugendlichen der Kultur ihrer ethnischen Gruppe beraube und einfach versuche
sie in die französische Kultur einzugliedern oder noch deutlicher sie zu
assimilieren. Unterstützt wird dies von einem Bericht von Christina
Allemann-Ghiona, die 1994 die Ecole Vitruve in Frankreich besuchte, die als
französische Vorzeigeschule galt, wenn es um interkulturelles Lernen ging.
Konfrontiert wurde sie mit der Aussage von Schulleitung und Lehrkräften, dass
interkulturelle Pädagogik kein Thema mehr sei. Alle Kinder seien vollends
kulturell assimiliert und somit kleine Franzosen und Französinnen.
Für die deutsche Bildungspolitik
ist dies allenfalls nichts neues, sondern der Versuch zur gesellschaftlichen
Integration der sogenannten Gastarbeiterkinder im Deutschland der 70er Jahre.
Zusammengefasst wird dies unter dem Begriff Gleichheitsdiskurs, der darauf
hindeuten soll, dass versucht wurde, die Migranten anzugleichen. Sie sollten
aus ihrer Kultur heraus in die vorherrschende Kultur eingegliedert werden,
deren Gesetztheit nicht in Frage gestellt wird. Es war ein Versuch, mit dem
erstmaligen Auftreten fremdsprachiger und auch teils kulturell differenter
Schüler/innen im Unterricht umzugehen, der allerdings schon ziemlich bald als
gescheitert angesehen wurde.
Von dieser Erkenntnis geleitet, entstand eine Bewegung,
die unter dem Begriff Essentialisierungsdiskurs zusammengefasst wird. Im Grunde
genommen stellt sie das Gegenteil des Gleichheitsdiskurses dar, denn nun wurden
Migranten beinahe ausschließlich unter
dem Aspekt ihrer kulturellen Differenz betrachtet. Anstatt wie vorher zu
assimilieren oder wie nunmehr gewünscht zu integrieren, sperrte man die Kinder
und Jugendlichen in ihrer Kultur ein. Ein Vorgang der uns auch aus dem Alltag
bekannt ist, wo doch gern oder aus Versehen mal gesagt wird „..ach ja, die
Türken sind ja so und so und die Polen so..“ Für eine Gesellschaft ist es
allerdings nicht zuträglich eine große Gruppe derart auszugrenzen, was dann
vermehrt durch Schlagworte wie „ethnische Kolonien“ verdeutlicht wurde. Es
musste also ein Weg gefunden werden, der es besser schafft, Menschen mit
Migrationhintergrund zu integrieren, was darin mündete, auf Gleiches in allen
Kulturen hinzuweisen. Zusammengefasst entstand der Universalitätsdiskurs, bei
dem bereits „Universales“ darauf hindeutet, dass hauptsächlich Gemeinsamkeiten
betont und Differenzen oftmals einfach ausgeblendet wurden. Polemisch gesagt,
kennt man dies aus der sogenannten Kuschelpädagogik mit Aussagen wie: „Wir sind
doch alles Menschen, wir müssen uns nicht streiten.“
Dass es sehr wohl Differenzen gibt,
muss man sich dann doch leider zugestehen.
Wichtiger aber ist es einen Weg zu
finden, der die Wünsche von Menschen mit Migrationshintergrund aufnimmt, sich
sowohl gesellschaftlich zu integrieren als auch eine gewisse kulturelle
Andersartigkeit zu bewahren. Für die Angehörigen der sogenannten Zielkultur
sollte das bedeuten, diese Wünsche anzuerkennen, Toleranz zu üben, offen zu
sein, Wissen über andere Kulturen zu erlangen, eigene Vorurteile zu erkennen
und sich einfach mit der Problematik aus einander zu setzen. Das oftmals
vorgenommene Berufen auf die Menschenrechte ist hierbei ein zweischneidiges
Schwert, denn sie sind ein Ergebnis der Entwicklung der „westlichen“
Industrienationen, obwohl sich natürlich inzwischen viele weitere Länder zu
ihnen bekennen. Sinnvoller ist es gemeinsame Absprachen zu treffen, d.h.
diplomatische Lösungen zu finden, denen sich sowohl die Angehörigen der
Zielkultur als auch die Migranten anschließen. Denn dies sind gemeinsame
Lösungen, die im kleinen bis im großen Rahmen getroffen werden und somit eine
starke Verbindlichkeit repräsentieren. Gesetze in den Zielkulturen bleiben
hiervon natürlich unberührt, es geht vielmehr um das Regeln des alltäglichen
Zusammenlebens in dem Gleichheit und Andersartigkeit anerkannt und toleriert
werden.
Weder ein Verschweigen von
Differenzen noch ein bloßes Anerkennen ohne Hinterfragen sind die Lösung.
Hiermit sei auf den letzten Diskurs hingewiesen, der einen
Migrationshintergrund als Chance bzw. Potential sieht, den es nicht
gesellschaftlich, sondern für die einzelne Personen zu nutzen gilt. Bezeichnet
wird dies als Pluralitätsdiskurs.
In diesem Sinne ist Deutschland in
Bezug auf schulisches interkulturelles Lernen vielleicht wirklich etwas weiter
als der französische Nachbar. Allerdings muss beachtet werden, dass die
angesprochenen Diskurse durchaus noch nebeneinander bestehen, also statt einer
chronologischen eine synchrone Betrachtungsweise vorliegt. Es gilt also, sich
nicht auf gewonnenen Erkenntnissen auszuruhen, sondern die Problematik stets zu
vergegenwärtigen und ein Umgehen mit ihr weiterzuentwickeln. Eine erneute
„Leitkultur“-diskussion ist hierfür jedenfalls wohl kaum förderlich.
Literaturhinweis:
Allemann-Ghiona, Christina: Interkulturelle
Bildung. In: Zeitschrift für Pädagogik. Beiheft 36/1997S. 107-150
Krüger-Potratz, Marianne: Interkulturelle Bildung, Eine Einführung. Münster
2005
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