spacer
spacer search

Bildung schadet nicht
Kritische Bildung in Braunschweig und anderswo

Search
spacer
header
 
Bildung schadet nicht
wieso nicht?
Bildungswiki
Startseite
Links
News
Kontakt
Impressum
Themen
Hochschulpolitik
Bildungspolitik allg.
Sozialpolitik
Sonstiges
Links
Material
Nachrichtenarchiv
Archiv
Aktionstag
Proteste
Aktion UBERWACH!
Home arrow Bildungspolitik allg. arrow Die gesellschaftliche Relevanz interkulturellen Lernens

Die gesellschaftliche Relevanz interkulturellen Lernens Drucken E-Mail
Geschrieben von Mirco   
Mittwoch, 09 November 2005
Ein Versuch zur bildungstheoretischen Betrachtung der Vorkommnisse in Frankreich

Wenn wir derzeit in den Medien von den Unruhen in Frankreich hören, ausgehend von einem Pariser Vorort, dann müssen wir uns auch die Frage stellen, welche Relevanz Interkulturalität in einer sogenannten multikulturellen Gesellschaft hat.

Eine gesamtgesellschaftliche Analyse ist in diesem Bezug wahrscheinlich gar nicht möglich. Die historische Entwicklung der französischen Gesellschaft gerade im Hinblick auf die größte ethnische Minderheit mit Migrationshintergrund aus Algerien, ist politisch brisant und eine Betrachtung aus deutscher Sicht wahrscheinlich immer zu einseitig sowie vereinfachend.

Allerdings sollte ein Einbezug des Bildungssystems zu dieser Problematik auf jeden Fall erfolgen. Nicht zuletzt wegen der in den Medien immer wieder aufkommenden Frage, ob ähnliches auch in Deutschland passieren könnte. Eine Antwort darauf soll hier natürlich nicht gegeben werden, aber ein vergleichender Blick auf den Umgang mit Interkulturalität gibt zumindest Einsichten.

Zuletzt war es Ulrich Wickert, der in einem Interview auf die französische Migrationpolitik hinwies, die die Jugendlichen der Kultur ihrer ethnischen Gruppe beraube und einfach versuche sie in die französische Kultur einzugliedern oder noch deutlicher sie zu assimilieren. Unterstützt wird dies von einem Bericht von Christina Allemann-Ghiona, die 1994 die Ecole Vitruve in Frankreich besuchte, die als französische Vorzeigeschule galt, wenn es um interkulturelles Lernen ging. Konfrontiert wurde sie mit der Aussage von Schulleitung und Lehrkräften, dass interkulturelle Pädagogik kein Thema mehr sei. Alle Kinder seien vollends kulturell assimiliert und somit kleine Franzosen und Französinnen.

Für die deutsche Bildungspolitik ist dies allenfalls nichts neues, sondern der Versuch zur gesellschaftlichen Integration der sogenannten Gastarbeiterkinder im Deutschland der 70er Jahre. Zusammengefasst wird dies unter dem Begriff Gleichheitsdiskurs, der darauf hindeuten soll, dass versucht wurde, die Migranten anzugleichen. Sie sollten aus ihrer Kultur heraus in die vorherrschende Kultur eingegliedert werden, deren Gesetztheit nicht in Frage gestellt wird. Es war ein Versuch, mit dem erstmaligen Auftreten fremdsprachiger und auch teils kulturell differenter Schüler/innen im Unterricht umzugehen, der allerdings schon ziemlich bald als gescheitert angesehen wurde.

Von dieser  Erkenntnis geleitet, entstand eine Bewegung, die unter dem Begriff Essentialisierungsdiskurs zusammengefasst wird. Im Grunde genommen stellt sie das Gegenteil des Gleichheitsdiskurses dar, denn nun wurden Migranten beinahe ausschließlich  unter dem Aspekt ihrer kulturellen Differenz betrachtet. Anstatt wie vorher zu assimilieren oder wie nunmehr gewünscht zu integrieren, sperrte man die Kinder und Jugendlichen in ihrer Kultur ein. Ein Vorgang der uns auch aus dem Alltag bekannt ist, wo doch gern oder aus Versehen mal gesagt wird „..ach ja, die Türken sind ja so und so und die Polen so..“ Für eine Gesellschaft ist es allerdings nicht zuträglich eine große Gruppe derart auszugrenzen, was dann vermehrt durch Schlagworte wie „ethnische Kolonien“ verdeutlicht wurde. Es musste also ein Weg gefunden werden, der es besser schafft, Menschen mit Migrationhintergrund zu integrieren, was darin mündete, auf Gleiches in allen Kulturen hinzuweisen. Zusammengefasst entstand der Universalitätsdiskurs, bei dem bereits „Universales“ darauf hindeutet, dass hauptsächlich Gemeinsamkeiten betont und Differenzen oftmals einfach ausgeblendet wurden. Polemisch gesagt, kennt man dies aus der sogenannten Kuschelpädagogik mit Aussagen wie: „Wir sind doch alles Menschen, wir müssen uns nicht streiten.“

Dass es sehr wohl Differenzen gibt, muss man sich dann doch leider zugestehen.
Wichtiger aber ist es einen Weg zu finden, der die Wünsche von Menschen mit Migrationshintergrund aufnimmt, sich sowohl gesellschaftlich zu integrieren als auch eine gewisse kulturelle Andersartigkeit zu bewahren. Für die Angehörigen der sogenannten Zielkultur sollte das bedeuten, diese Wünsche anzuerkennen, Toleranz zu üben, offen zu sein, Wissen über andere Kulturen zu erlangen, eigene Vorurteile zu erkennen und sich einfach mit der Problematik aus einander zu setzen. Das oftmals vorgenommene Berufen auf die Menschenrechte ist hierbei ein zweischneidiges Schwert, denn sie sind ein Ergebnis der Entwicklung der „westlichen“ Industrienationen, obwohl sich natürlich inzwischen viele weitere Länder zu ihnen bekennen. Sinnvoller ist es gemeinsame Absprachen zu treffen, d.h. diplomatische Lösungen zu finden, denen sich sowohl die Angehörigen der Zielkultur als auch die Migranten anschließen. Denn dies sind gemeinsame Lösungen, die im kleinen bis im großen Rahmen getroffen werden und somit eine starke Verbindlichkeit repräsentieren. Gesetze in den Zielkulturen bleiben hiervon natürlich unberührt, es geht vielmehr um das Regeln des alltäglichen Zusammenlebens in dem Gleichheit und Andersartigkeit anerkannt und toleriert werden.

Weder ein Verschweigen von Differenzen noch ein bloßes Anerkennen ohne Hinterfragen sind die Lösung. Hiermit sei auf den letzten Diskurs hingewiesen, der einen Migrationshintergrund als Chance bzw. Potential sieht, den es nicht gesellschaftlich, sondern für die einzelne Personen zu nutzen gilt. Bezeichnet wird dies als Pluralitätsdiskurs.

In diesem Sinne ist Deutschland in Bezug auf schulisches interkulturelles Lernen vielleicht wirklich etwas weiter als der französische Nachbar. Allerdings muss beachtet werden, dass die angesprochenen Diskurse durchaus noch nebeneinander bestehen, also statt einer chronologischen eine synchrone Betrachtungsweise vorliegt. Es gilt also, sich nicht auf gewonnenen Erkenntnissen auszuruhen, sondern die Problematik stets zu vergegenwärtigen und ein Umgehen mit ihr weiterzuentwickeln. Eine erneute „Leitkultur“-diskussion ist hierfür jedenfalls wohl kaum förderlich.


Literaturhinweis:
Allemann-Ghiona, Christina: Interkulturelle Bildung. In: Zeitschrift für Pädagogik. Beiheft 36/1997S. 107-150
Krüger-Potratz, Marianne: Interkulturelle Bildung, Eine Einführung. Münster 2005
Letztes Update ( Sonntag, 04 Dezember 2005 )
 
< zurück   weiter >
Interessantes

 
 
© 2012 Bildung schadet nicht
Joomla! is Free Software released under the GNU/GPL License.
spacer